02.08.2018 / Artikel / /

1. August: Die Ansprache des Grossratspräsidenten

Liebe Baslerinnen
Liebe Basler
Liebe Gäste

Wir feiern heute unseren Nationalfeiertag. Was bedeutet dies? Das Wort Nation – aus dem lateinischen natio – bedeutet Volk, und das Wort Volk beinhaltet eine Gruppe von Menschen mit einer gemeinsamen Kultur, Sprache, Geschichte und/oder Abstammung. Bei der Sprache müssen wir zugeben, dass dies für die Schweiz nicht zutrifft. Auch bei der Abstammung der Schweizerinnen und Schweizer haben wir, aber auch viele andere Länder, eher Mühe damit, einen lückenlosen Stammbaum über Jahrhunderte vorzuweisen, bei dem alle Vorfahren aus dem Gebiet der heutigen Schweiz stammen. Doch bei der Kultur und Geschichte ist es eindeutig, dass wir alle etwas gemeinsam haben. Denn Kultur ist das, was das Volk geschaffen hat und ein wesentlicher Teil unserer Lebenswelt ist. Daher ist es auch wichtig Traditionen zu erhalten, auch wenn diese mit der Zeit etwas angepasst werden sollen. Gelebte Tradition ist gelebte Geschichte, die zu bewahren ist. Daher bin ich auch der Meinung, dass jeder einen gesunden Patriotismus zeigen darf, denn Patriotismus heisst nichts anderes als „die Liebe zu seinem Land“, und den haben grundsätzlich alle.

Ist der Nationalfeiertag ein Geburtstag? Ich denke nicht. Aus meiner Wahrnehmung ist dies immer ein Tag, an dem sich ein Volk eine Unabhängigkeit erkämpft hat. Dies ist in sehr vielen Ländern der Fall. Man hat sich losgelöst von äusseren Zwängen und konnte sich so selbst organisieren und sich die Regeln geben, die für das jeweilige Volk, respektive Land, am geeignetsten sind. Trotzdem bleiben die Länder nicht nur unter sich. Sie organisieren sich mit anderen Ländern und stellen Regeln auf, wie man miteinander umgeht. Dabei hat für mich oberste Priorität, dass das, was unsere Ahnen erkämpft haben – in unserem Fall die Selbstbestimmung sowie die direkte Demokratie – nicht aufs Spiel gesetzt werden darf. Um etwas für sein eigenes Volk zu erreichen, muss man selbstverständlich Kompromisse eingehen. Man darf aber auch nicht ausser Acht lassen, dass zu weit gehende Kompromisse die Nachteile gegenüber den Verbesserungen zu gross sein können. Dann sollte man auf eine solche Abmachung verzichten. Um das zu bewahren, was für uns wichtig ist, müssen wir auch mögliche Nachteile in Kauf nehmen können. Das geschah in der Vergangenheit und wird auch in der Zukunft so sein.

Der Schweiz von heute geht es gut. Unser Wohlstand ist gewachsen aufgrund unseres Zusammenhalts und unserer Werte: Freiheit, direkte Demokratie, Zuverlässigkeit, Kompetenz, Sorgfalt, Vielfalt, Offenheit und Unabhängigkeit. Diese Werte zeichnen uns aus. Wir müssen dazu Sorge tragen. Andere Länder schätzen die Schweizer Verlässlichkeit. Wer mit uns Verträge schliesst, kann sich auf uns verlassen. Setzen wir diese Freiheit und Unabhängigkeit sowie unsere Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel, wenn wir im November über eine entsprechende Initiative abstimmen.
Ich bitte Sie, sich gut zu informieren und alle Vor- und Nachteile für ein Ja oder Nein verantwortungsvoll abzuwägen und dann auch die Nachteile, die mit einem JA bzw. einem NEIN verknüpft sind, zu akzeptieren. Bewahren wir, was in unserem Land geschaffen wurde. Selbstverständlich müssen wir uns weiter entwickeln, aber unter Berücksichtigung, dass die bereits erwähnten Werte erhalten bleiben.

Feiern wir nun also heute unsere Nation, wie es auch andere Nationen an ihren „Feier“-Tagen tun.

Sind wir stolz und dankbar hier als Schweizer und Gäste leben zu dürfen.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Remo Gallacchi
Grossratspräsident des Kantons Basel-Stadt