31.05.2021 / Artikel / /

Der Mindestlohn und die Wissenschaft

Oft ist die Wissenschaft ein guter Ratgeber für die Politik. Beim Thema Mindestlohn und der Abstimmung in Basel-Stadt ist das etwas schwieriger. Beide Seiten behaupten, die Wissenschaft gäbe ihnen recht. Ein typisches Problem der Ökonomie.

Wissenschaft stellen wir uns im Labor vor. Im Labor gibt es verschiedene Proben und ob ein neuer Stoff wie gewünscht wirkt, probiert man dutzendfach aus. So finden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler heraus, welche Stoffe mit welchen wie interagieren. Das Prozedere wird tausendfach wiederholt und schon kann man genau voraussagen, wie sich eine Veränderung auswirken wird.

In der Volkswirtschaft ist das anders. Viele «Experimente» finden in der Wirklichkeit statt und können nur einmal durchgeführt werden. Das heisst es gibt keine zweite «Probe», bei welcher eine einzelne Veränderung beobachtet oder ausgeschlossen werden kann. Auch gibt es keine «Laborbedingungen», wo keine anderen Mechanismen gleichzeitig wirken.

Wenn wir also Studien zum Thema Mindestlohn anschauen, sollten wir das vor allem mit der Masse machen. Mit einer hohen Anzahl Studien können wir ausschliessen, dass regionale Effekte – wie Grenznähe oder der Wegzug einer einzelnen Firma – einen grossen Einfluss haben. Wichtig ist auch, dass man verschiedene Jahre oder Jahrzehnte berücksichtigt, um Boomphasen und Rezessionen zu glätten.

Und damit sind wir beim Kern der Auseinandersetzung: Die Befürworter des Mindestlohns verweisen auf Studien, die in Deutschland oder in der Westschweiz in Boomphasen erstellt wurden, und wollen damit zeigen, es würden keine Arbeitsplätze abgebaut – es seien sogar neue geschaffen worden. Das ist natürlich richtig, jedoch schätzen sogar die Autoren, dass ohne Mindestlohn noch mehr neue Jobs geschaffen worden wären. Der Mindestlohn führt also dazu, dass in wirtschaftlich guten Zeiten, weniger neue Jobs geschaffen werden. Dass – besonders ein hoher – Mindestlohn in wirtschaftlich schlechten Zeit, Jobs vernichtet, ist schon länger bewiesen.

Am meisten Studien zu Mindestlöhnen gibt es aus den USA. Dort wurden ebenfalls relativ oft kaum negative Effekte festgestellt und selbst republikanische Ökonomen geben zu, dass sie von schlimmeren Szenarien ausgegangen seien und überrascht seien, wie wenig sich der Mindestlohn negativ auswirkt. Aber auch auf diese Studien lohnt sich ein genauer Blick:

  1. Mindestlöhne in den USA sind viel tiefer, als der vorgeschlagene in Basel-Stadt. Viele staatliche Mindestlöhne bewegen sich zwischen 7,50$ und 9,50$ und betreffen damit sehr wenige Arbeitnehmende. Spannende Daten und Studien dürfte der Mindestlohn aus New York liefern – dort beträgt er seit 2019 15 Dollar. In Kalifornien steigt er bis 2023 stufenweise ebenfalls auf 15 Dollar an.
  2. Ausweichender Konsum ist in den weitläufigen USA schwierig. Der kleinste US-Bundesstaat ist Rhode Island an der Ostküste. Mit einer Fläche von über 3’000 Quadratkilometern ist der Bundestaat so gross wie der Kanton Waadt und 84 Mal grösser als Basel-Stadt. Wenn ein Konsument also in einem durchschnittlichen US-Bundesstaat ein Fastfood Menu kaufen oder sich die Haare schneiden lassen möchte und aufgrund des Mindestlohnes und des höheren Preises dies in einem anderen Staat tun möchte, würde das ein stundenlanger Weg bedeuten. Anders in Basel-Stadt: Frankreich (Mindestlohn 10,25 Euro), Deutschland (9,50 Euro) und das Baselbiet (kein Mindestlohn) sind in wenigen Minuten auf dem Velo zu erreichen.

An diesen Beispielen aus den USA zeigt sich, wie schwierig ein genauer, detaillierter Vergleich ist. Und damit ist auch die Voraussage über die Auswirkungen des Mindestlohnes in Basel-Stadt alles andere als einfach. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden jedoch jene am meisten leiden, die eigentlich geschützt werden sollten. Denn es wird weniger Stellen für Berufseinsteiger, Wiedereinsteiger und Menschen ohne Deutschkenntnisse geben. Wobei weniger natürlich heisst: weniger als ohne den Mindestlohn. Deshalb stimme ich aus Überzeugung zwei Mal NEIN zum staatlichen Mindestlohn.

 

Patrick Huber ist Ökonom. Er hat an der Universität Basel und der University of California, Berkeley studiert, ist Mitglied der Parteileitung der Mitte Basel-Stadt und Riehener Einwohnerrat.

 

 

 

 

 

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